Ein Aquarium wird erneuert


Nachdem ich nun einige Erfahrungen im Betrieb der Ostsee Aquarien sammeln konnte, ist es an der Zeit, einige Adaptionen vorzunehmen, um Tier- und Pflanzenpflege zu verbessern. Dazu gehören eine in mehreren Stufen schalt- und dimmbare Beleuchtung, Belüftung,
Strömungsgestaltung, Wasseraufbereitung und die Dekoration, die in den bisherigen Aquarien nicht optimal sind.
Einige Maßnahmen, die der Haltung höherer Algen und Laichkräuter dienen sollen, werden
wieder in einem längeren Experiment beschrieben. Gleichzeitig sollen auch gestalterische
Gesichtspunkte berücksichtigt werden um diese phantastischen Tier- und Pflanzenwelt für die Aquaristik weiter populär zu machen.
Im Aquarium wird eine Sand- und Gesteinzone kombiniert. Der Schwerpunkt ist allerdings die Seegraszone, aus der die meisten der Tiere stammen, die ich in Pflege nehme.           Es steht mir etwas mehr Volumen zur Verfügung und für eine Erweiterung zu einem Verbund mehrerer Aquarien sind die Voraussetzungen geschaffen.
Große Probleme im Ostseeaquarium habe ich mit höheren Algen und den Laichkräutern. Sie
sind nur einige Zeit in ihrer Pracht zu erhalten, von Wachstum kann keine Rede sein. Es
entstehen zwar im Laufe eines Jahres immer wieder kleine Pflanzen, aber sie stagnieren
innerhalb kurzer Zeit und gehen wieder ein. Lange habe ich überlegt, worin die Ursachen
liegen könnten. In alter Literatur ist leider nur sehr wenig über Pflanzenpflege beschrieben
worden. Die beschriebenen Methoden der Kulturversuche können darum kaum als Basis
weiterer Experimente herangezogen werden.
Unsere Kenntnisse aus der tropischen Seewasseraquaristik können bei Ostsee/Nordsee
Aquarien nur teilweise angewendet werden. In technischer Hinsicht gibt es zwar durchaus
viele Gemeinsamkeiten, als Beispiel ist die Beleuchtung zu nennen, die heute wesentlich
mehr Licht in die Aquarien bringt, verbesserte Methoden der Wasserbewegung, verbesserte
Salze, Spurenelemente, Wasseraufbereitung, Futtermittel, Kühlgeräte und viele weitere Dinge gehören dazu. Aber die Unterschiede der Lebensansprüche zwischen tropischen und
einheimischen Organismen sind erheblich und eine erfolgreiche Kultur von Pflanzen ist
äußerst anspruchsvoll im Vergleich zu tropischen Aquarien.
Wie sieht es mit dem Wissen um die Bedürfnisse der heimischen Pflanzen aus und welcher
Zusammenhang besteht in ihrem Vorkommen und ihrer Umwelt? Sind diese in einem
Aquarium reproduzierbar?
Wir wissen, dass Algen Phosphate und Stickstoffverbindungen benötigen, haben vielleicht die eine oder andere Art Algen im tropischen Aquarium, wenn auch manchmal ungewollt
gepflegt, eine gezielte Ansiedlung und dauerhafte Haltung von höheren Algen oder Tangen
gelingt dennoch nur sehr, sehr selten. Viele weitere Komponenten wie zum Beispiel
Vitamine, Aminosäuren, Eiweißverbindungen, Eisen, Jod werden benötigt, die im Gegensatz
zum Aquarium in der Natur kaum limitiert sind. Es kommt in der Natur, abhängig von den
Jahreszeiten, in der Ostsee zur Limitierung von Nitrat und Silizium. Für die Makrophyten hat
das allerdings weniger Auswirkungen als auf das Phytoplankton. Was wir nicht wissen ist,
welchen Einfluss Bakterien, Hefen und Pilze sowie viele auf und zwischen Pflanzen siedelnde Tiere für die erfolgreiche Kultur im Aquarium haben. Weitere unbekannte Faktoren in der Aquaristischen Praxis sind die Anomalien der Ionenzusammensetzung des Brackwassers, speziell trifft das auf Kalzium und die Karbonathärte zu. Ein großes Problem einer Recherche zu Kulturbedingungen heimischer Meerespflanzen ist die Verfügbarkeit aktueller wissenschaftlichen Publikationen, die überwiegend in englischer Sprache vorliegen und auch nur teilweise öffentlich zugängig sind.                                                          Literatur in deutscher Sprache ist auch in aquaristischen Medien Mangelware! Das ist sehr bedauerlich denn die heimischen Küstengewässer beherbergen eine phantastische Tier- und Pflanzenwelt.                                                                                                               
Seegras                                                                                                                      
Aus diesem Grund möchte ich einige Ideen vorstellen, die ich im Vorfeld, bevor die ersten
Organismen eingesetzt werden, umsetze. Als Substrat für das Seegras wird feiner Sand mit
einer Körnung von 0,1-0,4 mm verwendet. Die Höhe beträgt etwa 6-10 cm um dem Rhizom
der Pflanzen sicheren Halt zu bieten und um eine Zonierung beim Aufbau des Sandbetts zu
ermöglichen. Der Bodengrund wird mit einer größeren Menge Mineralien durchmischt. Es ist
ein sehr fein gemahlenes vulkanisches Tuffgestein und in der Apotheke oder Reformhaus als
„Heilerde“ zu beziehen. Dazu wird etwas Lehm gegeben und das Ganze wird mit einer
Auflage feinem Sand ohne Mineralien abgedeckt.                                                       Eine Überlegung wäre alternativ, das Seegras mit einer gewissen Schicht Naturmaterial zu entnehmen und im Aquarium in einem Setzkasten einzubringen. Doch ich befürchte, dass durch den Milieuwechsel das Naturmaterial abstirbt und das Wasser verpestet.              Nun bin ich glücklicherweise in der Lage, den Bodengrund mit dem stark belebten Sand aus den bestehenden Aquarien zu „impfen“.
Das Impfen kann natürlich auch mit Naturmaterial geschehen. Für das Seegras entnehme ich Schlick aus der Ostsee und mittels einer Spritze wird das Material zwischen den Rhizomen der im Aquarium eingebrachten Seegräser eingebracht. Meiner Meinung nach müsste das ausreichen um eine gute Bedingung für die Haltung der Seegräser zu schaffen. Die unbelasteten, sterilen Teile des Sandes bieten den Mikroorganismen die Möglichkeit, ihren Lebensraum ohne Konkurrenz erfolgreich zu besiedeln und ein ihnen zusagendes Milieu zu schaffen.

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In dem Bodengrund wimmelt es an Kleingetier, eine wichtige Voraussetzung für weitere
Mitbewohner.
Diese Gestaltung des Bodengrundes ist für die Biologie des Aquariums ein bewusst
eingesetztes Mittel um eine zusätzliche Versorgung mit Nahrung für die Filtrierer
bereitzustellen. Hier habe ich allerdings nicht nur positive Erfahrungen gemacht.             Die Siedlungsdichte im Bodengrund entsprach nicht immer meinen Vorstellungen.            Ein Sandbett muss für seine Bewohner nicht nur die richtige Zusammensetzung und Korngröße besitzen, sondern auch eine recht stabile Versorgung von Nährstoffen ist für den Erfolg entscheidend.
Es dauert eine gewisse Zeit, bis hier eine Entwicklung einsetzt. Es ist sehr empfindlich und
selten längere Zeit in seiner Zusammensetzung stabil. In der Natur sind für die Besiedlung des Bodengrundes dessen Struktur, Form, Farbe, Strömungsgeschwindigkeit und weitere Faktoren ausschlaggebend. Möglicherweise ist in den bisher betriebenen Aquarien die Schichtdicke nicht ausreichend gewesen. Natürlich gräbt auch mal ein Fisch sich diese Tiere aus und das habe ich auch so beabsichtigt. Da ich dennoch nicht genügend und den Bedürfnissen entsprechende Nahrung für die Organismen des Bodengrundes bereitstellen kann, sind die Erwartungen oft größer als der Erfolg. Der Verbund mit einem weiteren Aquarium hat zwar eine größere Artenanzahl, aber auch Fütterungsprobleme zur Folge. Wasserbelastung und Futterbedarf sind schwierig zu optimieren. Dennoch ist der gut besiedelte Sandboden ein wichtiger Bestandteil meines Aquariums und neben der Algenkultur gibt es auch hier vieles zu lernen und mit dem neuen Aquarium besser zu machen.                                                                                                                Die Arbeitsweise ist hier eher kontraproduktiv. Einerseits füttere ich die Sandbettbewohner unter anderem mit Bakterienkulturen wie Microbe lift Produkten, andererseits ist eine unkontrollierte Bakterienvermehrung gefährlich für Garnelen und Fische und muss durch ständigen UV-C Einsatz begrenzt werden. Ein wichtiger Hinweis auf Bakterienvermehrung ist die Zunahme des Bewuchses an den Scheiben und die Arbeitsweise des Abschäumers. Analog dazu ist der Einsatz von Phytoplankton im Aquarium zu betrachten. Starke Sedimentbildung, Lichttrübung und hohe Verluste durch Abschäumung sind bei einem Einsatz von Phytoplankton zu beachten. Doch die Vorteile für die Sandbewohner  überwiegen, so dass man die Nachteile gern in Kauf nimmt.                                        Wer sich schon einmal mit Plankton Kulturen beschäftigt hat, weiß, wie aufwändig und anspruchsvoll das ganze ist, wenn man mehrere Arten kultivieren muss.                             
Die Problematik der Kultur heimischer Algen und Seegräser.                                               
Trotz täglicher Anwendung von Eisen- und Jodpräparaten hatte das auf die aufkommenden
Algen in den bisher betriebenen Aquarien keinen sichtbaren Einfluss. Nährstoffe waren durch die Fütterung der Fische vorhanden, doch der fehlende Bestandteil für Pflanzenwuchs der Makroalgen konnte noch nicht ermittelt werden. Betrachtet man die Verhältnisse in der Natur, haben auf die Nährstoffbilanz eines Gewässers nicht nur die durch Rücklöseprozesse des Sediments in Lösung gehenden, sondern auch die durch Verfrachtung herangeführte
Nährstoffe für die Pflanzen und Tiere größte Bedeutung. Dazu kommen noch gewaltige
Einträge durch Abflüsse von Land, die auf Grund der Eigenschaften des Süßwassers
erhebliche Mengen an Nährstoffen und gelösten Mineralien eintragen. Diese Bedingungen für Wachstum sind in ihrer natürlichen Zusammensetzung und Mengenbestandteilen in einem winzigen Aquarium schwierig reproduzierbar, dazu kommen noch die Einflüsse, die die Mikrofauna auf Wachstumsbedingungen hat. Für uns als Aquarianer sind hier die Nährstoffe der Phytoplankton Produktion (F/2) einsetzbar. In welcher Dosierung werde ich natürlich noch berichten.
Round verweist in seiner Veröffentlichung zur Kultur von Algen neben verschiedenen
Nährstoffmedien auf den Einsatz von Spurenelementen, die für Algen in ihrer Ionen
Zusammensatzung vielfach kompensierende Eigenschaften bei Abwesenheit eines
chemischen Elementes auf ihren Stoffwechsel haben können (1).
Aber weitere wichtige Bedingungen sind für den Algenwuchs erforderlich, denn unter
Freilandbedingungen, mit dem man eine höhere Intensität an Licht sowie weitere
Spektralanteile zur Verfügung hat, funktioniert der Pflanzenwuchs besser. Mit großer
Sicherheit ist in der ungünstigen spektralen Lichtzusammensetzung unserer Leuchtmittel eine von vielen Ursachen für das Versagen des Pflanzenwuchses im Aquarium zu suchen. Eine Möglichkeit für brauchbares Licht bietet ein Leuchtmittel der Firma NARVA (BIO Licht). Es ist eine Leuchtstofflampe mit einer Farbwiedergabe Ra 96, ein kalt weißes Licht mit
langwelligen UV- Anteilen. Wie wir wissen, ist dieser UV- Bestandteil des Lichtes für alle
Wirbeltiere und die Wasserpflanzen für wichtige Stoffwechselprozesse und die
Vitaminspaltung der ß-Karotine erforderlich. Diese Leuchtmittel bilden darum den
Hauptbestandteil der Beleuchtungsanlage und sie werden zunächst mit der Lichtfarbe 67 im
Verhältnis 3:1 kombiniert.
Vom Stoffwechsel der Algen ist bekannt, dass sie auf besondere Vitamingruppen angewiesen sind. Der größte Teil von ihnen benötigt Thyamin (B12) und Biotin (B6). Auch die Abhängigkeit von bestimmten Aminosäuren wie Glycin und Glutaminsäure ist gut untersucht worden und ein sehr großer Bedarf besteht zudem noch an Spurenelementen. All diese wichtigen Zusätze für Kulturversuche können wir käuflich erwerben, sie sind in Apotheken, Drogerien und Zoofachhandel zu beziehen.
Die Stabilisierung der Karbonathärte, die im Gegensatz zu Atlantikwasser keine nennenswerte Pufferung besitzt, ist besonders zu beachten. Eventuell ist eine vorsichtige CO² Dosierung erforderlich (-0,1 bis -0,2 pH des „Normalwertes“). Ein Notbehelf ist es das verdunstete Wasser mit Mineralwasser aufzufüllen (das Auffüllen muss am frühen Nachmittag erfolgen).
Doch die Schwankungen des pH- Wertes sind im Tagesverlauf beträchtlich und ein Zeichen
für die geringe Pufferkapazität des Brackwassers. Möglicherweise sind die Pflanzen nicht in
der Lage diese Schwankungen zu ertragen. Sehr kompliziert für die Aquaristik sind durch
Jahreszeiten und Witterung bedingt die wechselnde Intensität und Dauer der Beleuchtung und natürlich darf man die genetisch gesteuerten Lebenszyklen nicht außer Acht lassen. In den Wintermonaten findet kaum Pflanzenwuchs höherer Algen statt, was sich auch nicht mit viel Licht- und Nährstoff Verfügbarkeit im Aquarium ändert.
Ein ganz wichtiger Aspekt ist die Wasserbewegung für die Pflanzen. Sie hat für
Nährstoffzufuhr und Abtransport der Stoffwechselprodukte zu sorgen und darf auf keinem
Fall stagnieren. Besonders schwierig ist das bei den Seegräsern umsetzbar, weil sie sehr leicht Knäuel bilden und sehr zerbrechlich sind. Hier setze ich eine Variante des „Closed Loop“ im Bodengrund mit nach oben gerichteter Strömung ein. Für die das Substrat besiedelnde Algen ist ein kleines Riff auf einem Podest mit Hinterspülung durch das CL aufgebaut.

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Der Sandboden muss noch auf eine Höhe von 8-10 cm eingebracht werden.


Zwei weitere, mit einer Drossel verbundene Ringe an der Oberfläche erzeugen eine
großflächige, weiche Strömung, die variabel getaktet wird und eine wunderbare
Dünungsbewegung erzeugt. Die Leistung der extern montierten Pumpen ist mit max. 20
Watt/Pumpe mehr als ausreichend und hält den Wärmeeintrag niedrig.
Einige Pflanzen sind für den Wuchs im Sandgrund geeignet wie zum Beispiel die Chara
Algen, einige Algen benötigen kein Siedlungssubstrat wie Cheatomorpha, aber die meisten
Algen und die Tange sind auf feste Siedlungssubstrate angewiesen. Das können auch andere Algen und das Seegras sein. So ist hauptsächlich der steinige Teil des Aquariums für Algen und Kleingetier vorgesehen. Eine Besiedlung kann dabei sehr schnell vor sich gehen, aber auch das Absterben des Aufwuchs! Das hat Konsequenzen auf die Dekorationsgestaltung,denn diese Materialien müssen einfach und schnell abtransportierbar sein, ohne das Gestein in seine Einzelteile zu zerlegen. Das geht richtig gut, wenn das Gestein auf einem Podest steht.
Abgestorbenes Material lässt sich durch ständige Hinterspülung des Gesteins sehr gut
entfernen und lagert sich nicht im Bodengrund an. Man hat besonders auf absterbende
Organismen zu achten, sie sind sehr Sauerstoff zehrend. In unseren, in der Regel zu warmen Aquarien, muss eine Sauerstoffsättigung immer gegeben sein. Aber nicht jede zerfallende Alge wird sofort aus dem Aquarium entfernt, denn der Zerfall setzt ihre Gameten frei, was zu einer Neubesiedelung führen kann.

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Enteromorpha intestinalis und Cheatomorpha linum


Diese Gameten sind außerordentlich lange lebensfähig und selbst nach 1 Jahr ohne Neubesatz erscheinen immer wieder neue Algenarten. Eine Ausnahme mache ich mit den meisten der fädigen Formen, die regelmäßig entfernt werden. Sie sind nicht besonders attraktive Pflanzen.
Als Epiphyten können sie den gewollten Pflanzenwuchs sehr behindern. In der Regel sind sie sehr stark mit vielen planktischen Lebewesen besiedelt, bei denen sich eine Untersuchung mit dem Mikroskop immer wieder als Überraschung herausstellt.

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Foraminiferen (Kämmerlinge) wie Globigerinoides spp. sind im Plankton und zwischen
Algen gelegentlich zu finden. Bei mir im Aquarium habe ich sie in der nachstehenden,
fädigen Alge entdeckt.

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Die in den Zellen eingelagerten Chloroplasten der Zygnema sind beweglich und richten sich
innerhalb kurzer Zeit nach der Lichtrichtung aus.


Der Besatz mit Tieren.                                                                                                  
Natürlich muss der Tierbesatz an diesen Aquariumtyp sorgfältig ausgewählt werden. Es sollen überwiegend die Kleinfische der Seegraswiesen gepflegt werden und dazu gehören aber auch viele niedere Tiere, die man allerdings im Sandbett eher wenig zu sehen bekommen wird. Mit einem kleinen Sieb kann man sie recht einfach erbeuten. Für die Biologie haben sie entscheidenden Einfluss und manche sind sogar richtige Raritäten. Ihre Lebensbedürfnisse stellen hohe Anforderungen an den Pfleger und es ist nicht einfach diese Voraussetzungen zu erhalten. Dennoch lege ich großen Wert auf die Pflege dieser Tiere denn sie bilden eine Gemeinschaft, die in der Natur ganz stark vom Substrat geprägt ist.   So finden wir im Sand andere Tiere als auf Hartsubstraten bzw. stark strukturierten Algen. Diese hoch spezialisierte Lebensweise spiegelt sich selbst in der Sandlückenfauna oder im Spülsaum bei den Mikroorganismen wieder. Falls Sie Gelegenheit haben, ein paar Sandkörner unter einer starken Lupe zu betrachten, werden Sie überrascht sein, wie viel Leben dieser Lebensraum beinhaltet.

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Die den Sandboden besiedelnde Garnele Crangon crangon ist ein sehr wichtiger Bestandteil
für das Sandaquarium. Ihre häufiges eingraben bewegt die Sandoberfläche und das Material
bleibt sehr hell. Sie ist allerdings sehr Sauerstoffbedürftig und benötigt für die Entwicklung
ihrer Larven eine stark abgesenkte Temperatur. Veränderliche Chromatophore in ihrer
Epidermis tragen zur Adaption an den Untergrund bei. Oftmals sieht man nur die Augen und
Antennen.

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Eine Pflege von Aktinien habe ich im Moment noch nicht beabsichtigt. Falls es die
Gelegenheit gibt diese Tiere zu erwerben, werde ich sicherlich einen Versuch wagen und nur
dann, wenn sie als Beifang aufzufinden sind. In der Gegend, wo ich Tiere und Pflanzen
bevorzugt sammle, wird das eher nicht der Fall sein. Freilich ist die Vergesellschaftung mit
bestimmten Fischen im Aquarium zu überdenken. Seenadeln werden dann mit Sicherheit
nicht in Frage kommen.
Eine Rarität möchte ich Ihnen dennoch nicht vorenthalten denn sie zeigt viele Dinge.      Die Pflege von einheimischen Tieren ist schon lange Bestandteil der Aquaristik, sehr genau und liebevoll wurden diese Tiere beobachtet und wiedergegeben (selbst die Tentakelzahl stimmt exakt überein). Wer die Möglichkeit hat sich das Digitalbild zu vergrößern, erkennt noch viel mehr Details. Auch das kann ein Teil des Hobbys sein und Hand aufs Herz, wer bekommt so was noch hin im Zeitalter der digitalen Fotografie? Ich jedenfalls nicht!

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Sagartia troglodytes GOSSE

Diese Zeichnung soll einmal zeigen, was für phantastische Tiere solch ein Aquarium
beherbergen könnte. Die aus der Nordsee stammende Art mit dem deutschen Namen
Höhlenrose gedeiht in der Gezeitenzone und hat viele Farbvarianten. Sie kann bei guter
Fütterung wesentlich größer werden als unter natürlichen Bedingungen. Sagartia troglodytes
ist außerordentlich gut haltbar, wenig Wärme empfindlich und leicht zu ernähren. Diese
wunderbare Zeichnung stammt übrigens aus einer Veröffentlichung des „Zootomischen
Institute der Universität Graz“. Der Beitrag zur „Anatomie der Actinien“ wurde von Med. Dr.
A. v. Heider 1877 publiziert. Für dieses Bild bedanke ich mich bei Herrn Dr. A. Kormann, der
es mir freundlicherweise zur Verfügung stellte.
Weitere Aktinien wären beispielsweise die Seenelken und auch die Pferdeaktinie Actinia
equina, die in der Ostsee vorkommen. Sie haben allerdings Temperaturansprüche, die man für eine erfolgreiche Kultur erfüllen muss. So öffnen sich die Seenelken über 20°C nicht mehr und werden schließlich immer kleiner. Wenn die Temperatur unter 15°C fällt, öffnen sie sich und man kann sie wieder aufpäppeln…
Neben den Aktinien, die auch in der Ostsee zu finden sind, gibt es genügend andere niedere Tiere, die sich für eine Aquariumhaltung und auch für diesen, von mir betriebenen
Aquarientyp hervorragend eignen und auch hier ist man nie vor Überraschungen sicher. Selbst nach einem Jahr ohne Besatzerweiterung entdecke ich immer wieder neue  Lebewesen.
Besonderen Wert lege ich auf die Tiere, die den Sandboden besiedeln. Hier zwei Beispiele.

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Ein kleiner, 2 cm großer Polychaet, der seine Geschlechtsprodukte abgibt.

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Dieser hat eine Länge von 15 cm. erstaunlich, dass ich ihn erst nach mehreren Monaten
entdecken konnte.

Viele weitere Tiere wie Muscheln, Schnecken, Asseln usw. eignen sich sehr gut für dieses
Aquarium. Zunehmende Artenvielfalt und auch höhere Individuendichte findet man in stark
strukturiertem Material und auf den Hartsubstraten. Beispielsweise sind die herrlich gefärbten Seescheiden Ciona intestinalis und Brotkrumenschwämme für solch ein Aquarium durchaus geeignet und das sind hübsche Tiere! Leider ist eine Vergesellschaftung vieler niederer Tiere mit Fischen nicht immer einfach, denn für Fische sind viele niedere Tiere natürliche Nahrung.
Wenn man Wert auf größere Artenvielfalt legt, sollte man sich ein Refugium einrichten. Auch meine Aquarienanlage ist für solch eine Erweiterung schon vorbereitet…
Von den Ostseetieren eignen sich einige Arten durchaus für tropische Aquarien und sie
vermehren sich auch gut. Dazu gehört eine recht hübsche Garnelenart, die aus dem Schwarzen Meer in die Ostsee eingeschleppt wurde. Sie ist nicht mit der Mittelmeerart identisch.
Palaemon elegans. Aus dieser Problematik wird schon ersichtlich, dass die Nomenklatur der
Garnelen einer Überarbeitung bedarf.

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Die Palaemon elegans geht bei einem Hol durch die Seegraswiesen in großer Anzahl in die
Netze.


Nun gehören auch die Fische zu dem Aquarium und wer meinen bisherigen Berichte gelesen
hat, weiß, welche Probleme ich mit der Vergesellschaftung und der Kurzlebigkeit der Fische
hatte. Hier sind neben Fehlern bei der Tierhaltung biologische Prozesse verantwortlich, über
die ich mir immer wieder Gedanken machen muss, um sie zu beeinflussen.
In Gesprächen mit befreundeten Aquarianern wurde besonders auf die so genannte
„Frühjahrssterblichkeit durch Krankheiten“ hingewiesen und auf das Sterben der Tiere, wenn
neue Tiere in das Aquarium nachgesetzt werden. Nur welche Krankheitserreger kommen in
Frage? Naturmaterialien (Pflanzen, Fische, Dekoration) kamen bei mir nicht in Frage, da
nichts in die Aquarien nachgesetzt wurde. Lebendfutter züchte ich selbst und auch da sind
keine Krankheitserreger durch Übertragung durch Vögel usw. drin. Dennoch hat die
Sterblichkeit mit der Fütterung und dem Milieu des Aquariums zu tun. Durch den fehlenden
Pflanzenwuchs im Winter reichern sich Nährstoffe im Aquarium an. Das habe ich mit den
Erscheinen der Schmieralgen belegen können. Im Frühjahr steigen die Temperaturen und es
kommt zu einer extremen Vermehrung von Bakterien, die jetzt große Mengen toxischer
Stoffwechselprodukte an das Wasser abgeben. Fehlender Pflanzenwuchs verhindert die
Abgabe von Bakterien hemmenden Wirkstoffen. Dieses Milieu und die sinkende
Sauerstoffsättigung bei höheren Temperaturen schwächen die Tiere. Als erstes sind Garnelen und dann die Fische betroffen. Die UV-C Behandlung des Wassers ist deshalb ein
unverzichtbarer Bestandteil des Aquariums. Ein Keimzahltest gibt ebenfalls Aufschluss über
das Aquarienmilieu. Solche Testmittel sind in einer Art Baukasten durch das Institut für
Getreidewirtschaft Potsdam entwickelt worden und finden u.a. in der Industrie im
Lebensmittelbereich ihre Anwendung. Der Vorteil dieser Test ist dass sie sehr schnell zu
einem Ergebnis führen, auf spezifische Arten anwendbar sind und nur auf lebendes Material
ansprechen. Informationen dazu findet man beispielsweise bei der Firma Scanbec(2). Hier
haben wir ein Werkzeug, welches in der Aquaristik und in der Futterzucht präzise Aussagen
zur Keimzahlbelastung zulassen und der verbesserten Tierpflege dienen können, denn für die im Aquarium toxischen Bakterienstämme können spezifische Test preiswert erworben
werden.
Der gute Wuchs und die Vermehrung der Miesmuscheln belegen die Planktonalgen und
Bakterienmengen im Aquarium. Im Aquarium können wir leider nicht genug Siedlungsraum
und Strukturformen für Zooplankton zur Verfügung stellen und es ist darum als Destruent
ohne Bedeutung. Der Abschäumung muss deshalb besondere Aufmerksamkeit geschenkt
werden, zumal in einem Milieu geringer Salzdichte dieses Verfahren durch geringere
Oberflächenspannung zusätzlich Probleme macht. Die Wasseraufbereitung übernimmt darum
ein wesentlich größerer Eigenbau Abschäumer, der durch seine große Fläche zusätzlich das
Wasser belüftet. Der Abschäumer wird im Kontaktrohr modifiziert um eine gewisse Effizienz
zu erreichen; das Verfahren ähnelt dem eines Süsswasserabschäumers. Eine temporäre
Versorgung mit einem Ozon Luftgemisch sorgt für eine Verbesserung des Wirkungsgrades.
Zusätzlich werden in einem Wirbelbettfilter Phosphatabsorber eingesetzt. Auch für ein reines Pflanzenaquarium halte ich den Einsatz von UV-C für sinnvoll. Schon mit der Entnahme und auf dem Transport vom Fanggebiet sind die Algen extrem gefährdet. Warum das so ist und wie man dem begegnen kann, werde ich im Teil 4 des Berichtes zur Ostseeaquaristik beschreiben.
Im Prinzip sind das die Elemente, die ich bei dem neuen Aquarium gedenke umzusetzen.   In Erwägung zu ziehen sind für einen erweiterten Tierbesatz und dem Kulturversuch von
Pflanzen eine gewisse Reife- und Entwicklungszeit für das Aquarium. Es ist klar, dass für
solch kleine Behälter wie ich sie betreibe, die Geduld auf eine harte Probe gestellt wird und
mit dem Besatz viele Beschränkungen aufgelegt sind. Obwohl ich mich wesentlich besser auf das neue Aquarium vorbereitet habe, bin ich mir durchaus bewusst, dass es Rückschläge
geben kann. Mit besseren Methoden und neuen Erkenntnissen in der Aquaristik können
allerdings oftmals althergebrachte Anschauungen aufgegeben werden.
Das technische Equipment unterliegt, durch sehr niedrige Temperaturen über eine längere
Kälteperiode bedingt, einem sehr hohen Verschleiß. Es ist klar, dass hier der Einsatz von
hochwertigen Artikeln und standardisierter Industrietechnik, die eine leichte Wartung und
eine schnelle Austauschbarkeit zulässt, Voraussetzung für den störungsfreien Betrieb sind.
Technische Fehler haben in der Regel irreparable Schäden an Pflanzen und Tieren zur Folge.
Für mich wäre das besonders schlimm, da ich nur einmal im Jahr das Fanggebiet aufsuche.
Solch ein Equipment, abgesehen vom Energieaufwand für Temperaturregelung, kann ein
Kaltwasseraquarium schnell teurer machen als tropische Aquarien gleicher Größe. Aber
Langlebigkeit und Zuverlässigkeit kompensieren mittelfristig höhere Investitionen immer!

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Probehalber ist das Aquarium mit Kunstpflanzen besetzt. Die Hintergrundfolie ist ein
Eigenbau und entspricht meinen Erwartungen. Es ist nun endlich alles bereit, das Aquarium
zu bewässern…
Die Tiere werden dann Anfang September einziehen. Ich bin schon sehr gespannt, wie sich
das Aquarium entwickeln wird und ob die Pflanzen jetzt besser wachsen werden!
Ich hoffe, hier eine kleine Anregung für die Pflege der herrlichen Tier- und Pflanzenwelt
unserer Heimat geben zu können. Wie es weitergeht mit diesem Aquarium, erfahren Sie auf
der Homepage der Berliner Fachgruppe Meeresbiologie (3). Hier finden Sie neben vielen
weiteren Berichten über Ostseetiere und tropische Aquarien auch wissenswertes aus 50 Jahren
Geschichte der ZAG Meeresbiologie in der DDR. Dieter Haas berichtete darüber vor kurzem
in einem Interview für die Zeitschrift Koralle (4).
August 2009


Mit freundlichen Grüßen
Dietmar Schönfelder
Fachgruppe Meeresbiologie Berlin


Literatur:
(1) F.E. Round, Biologie der Algen, Thieme Verlag 1975 ISBN 313 391 502 9
(2) Scanbec GmbH, Weinbergweg 23 D-06120 Halle
(3) fg-meeresbiologie.de
(4) Bernd Riedel, Interview mit Dieter Haas, Koralle 6/2009
Bildnachweis:
1-7, 9-12 D. Schönfelder
8 Dr. A. Kormann